Was ist ein Arbeitsmarkt und wie funktioniert er?
Was ist ein Arbeitsmarkt? Definition, Angebot und Nachfrage, Lohn, erster und zweiter Arbeitsmarkt sowie Daten zu Deutschland verständlich erklärt.

Ob ein Betrieb in Bühl eine Fachkraft sucht, eine Pflegerin in Achern die Stelle wechselt oder ein Schulabgänger seine erste Ausbildung beginnt — überall trifft Arbeitskraft auf Arbeitsplätze. Was ist ein Arbeitsmarkt also genau? Gemeint ist kein Ort, an dem man hingehen könnte, sondern das Zusammenspiel aller, die Arbeit anbieten, und aller, die Arbeit nachfragen. Wie dieser Markt funktioniert, warum der Lohn darin eine besondere Rolle spielt und woran Sie erkennen, wie es um ihn steht, erklärt dieser Beitrag Schritt für Schritt.
Definition: Was ist ein Arbeitsmarkt eigentlich?
In der Volkswirtschaftslehre bezeichnet der Arbeitsmarkt den gedachten Ort, an dem das Angebot an Arbeitskraft und die Nachfrage nach Arbeitskraft zusammentreffen. Eine gängige Arbeitsmarkt-Definition, wie sie sich sinngemäß auch in Nachschlagewerken wie dem Gabler Wirtschaftslexikon findet, lautet: Der Arbeitsmarkt ist der Markt, auf dem Arbeitsleistungen gegen Entgelt getauscht werden. Wer arbeitet, stellt seine Zeit, sein Wissen und seine Fähigkeiten zur Verfügung — und erhält dafür einen Lohn oder ein Gehalt.
Was ist der Arbeitsmarkt im Unterschied zu anderen Märkten? Auf einem Wochenmarkt wechselt eine Ware den Besitzer, und das Geschäft ist abgeschlossen. Auf dem Arbeitsmarkt dagegen bleibt die angebotene Leistung untrennbar an einen Menschen gebunden. Arbeitskraft lässt sich nicht einlagern, nicht beliebig verschieben und nicht ohne Weiteres austauschen. Daraus ergeben sich Besonderheiten, die es auf keinem Gütermarkt gibt: Kündigungsschutz, Tarifverträge, Arbeitszeitgesetze und Mitbestimmung.
Hinzu kommt: Es gibt nicht den einen Arbeitsmarkt, sondern viele Teilmärkte. Ein Fachinformatiker sucht auf einem anderen Markt als eine Erzieherin oder ein Lkw-Fahrer. Auch regional unterscheiden sich die Bedingungen deutlich — zwischen Ballungsräumen und ländlichen Gemeinden ebenso wie zwischen Grenzregionen und dem Landesinneren. Wenn in den Nachrichten vom Arbeitsmarkt die Rede ist, ist meist die Summe dieser Teilmärkte gemeint.
Wer sich tiefer mit den Merkmalen befassen möchte, findet weitere Hintergründe im Beitrag Was den Arbeitsmarkt auszeichnet und definiert.
Angebot und Nachfrage: Die Kernmechanismen der Arbeitswelt
Wie auf jedem Markt bestimmen auch hier Angebot und Nachfrage das Geschehen. Am Arbeitsmarkt sind die Rollen allerdings anders verteilt, als viele intuitiv vermuten — und genau das sorgt im Alltag oft für Verwirrung.
Wer Arbeit anbietet: die Haushalte
Das Angebot an Arbeit kommt von den privaten Haushalten, also von Menschen, die bereit und in der Lage sind, gegen Bezahlung zu arbeiten. Sprachlich ist das ungewohnt: Im Alltag nennen wir Unternehmen „Arbeitgeber“, ökonomisch betrachtet geben aber die Beschäftigten ihre Arbeit — sie sind die Anbieter.
Zu den Bestimmungsgründen des Angebots gehören vor allem:
- die Größe und Altersstruktur der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter
- die Erwerbsbeteiligung, etwa von Frauen, älteren Menschen oder Studierenden
- Qualifikation und Ausbildung der Erwerbspersonen
- die Höhe des Lohns im Verhältnis zu Freizeit, Familienarbeit oder Sozialleistungen
- Zuwanderung und Abwanderung
Steigt der Lohn, sind in der Regel mehr Menschen bereit zu arbeiten oder ihre Stunden aufzustocken. Ob das in jedem Fall so ist, hängt jedoch stark von der persönlichen Lebenssituation ab — etwa von Kinderbetreuung oder der Pflege von Angehörigen.
Wer Arbeit nachfragt: die Unternehmen
Die Nachfrage nach Arbeit geht von Unternehmen, Verwaltungen und anderen Organisationen aus, die Personal einstellen. Ökonomen sprechen von einer abgeleiteten Nachfrage: Ein Betrieb sucht nicht Mitarbeitende um ihrer selbst willen, sondern weil er Produkte oder Dienstleistungen verkaufen will. Läuft das Geschäft gut, steigt die Nachfrage nach Arbeitskräften; bricht der Absatz ein, sinkt sie. Auch technischer Fortschritt verändert die Nachfrage, weil er manche Tätigkeiten überflüssig macht und andere neu entstehen lässt. Wie solche Verschiebungen ganze Regionen prägen, beschreibt der Beitrag Strukturwandel einfach erklärt.
Der Lohn als Preis der Arbeit
Im einfachen Lehrbuchmodell gleicht der Lohn Angebot und Nachfrage aus: Ist Arbeit knapp, steigt ihr Preis; gibt es mehr Bewerber als Stellen, gerät er unter Druck. In Deutschland wird der Lohn allerdings selten frei ausgehandelt wie der Preis für Äpfel. Tarifverträge zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden, der gesetzliche Mindestlohn sowie individuelle Verhandlungen setzen den Rahmen. Deshalb reagieren Löhne oft nur verzögert auf Veränderungen — ein Grund dafür, dass Arbeitslosigkeit und offene Stellen gleichzeitig bestehen können.
Erster, zweiter und verdeckter Arbeitsmarkt
In Berichten über Arbeitsmarktpolitik tauchen regelmäßig Begriffe auf, die für Außenstehende nicht selbsterklärend sind. Drei davon sollten Sie kennen.
Der erste Arbeitsmarkt umfasst alle regulären Beschäftigungsverhältnisse, die ohne staatliche Förderung zustande kommen — also die klassische Stelle in einem Unternehmen oder im öffentlichen Dienst. Der zweite Arbeitsmarkt bezeichnet dagegen öffentlich geförderte Beschäftigung. Dazu zählen etwa Arbeitsgelegenheiten oder Lohnkostenzuschüsse, mit denen Langzeitarbeitslose wieder an den Berufsalltag herangeführt werden sollen. Ziel ist stets der Übergang in den ersten Arbeitsmarkt.
Als verdeckter Arbeitsmarkt gelten Stellen, die nie öffentlich ausgeschrieben werden. Sie werden über persönliche Kontakte, Empfehlungen, Initiativbewerbungen oder interne Wechsel besetzt. Gerade in kleineren Betrieben, wie sie im ländlichen Baden häufig sind, spielt dieser Weg eine große Rolle. Wer eine neue Stelle sucht, sollte sich deshalb nicht allein auf Jobportale verlassen, sondern auch das eigene Netzwerk, Kammern und regionale Messen nutzen.
Der Arbeitsmarkt in Deutschland: Daten und Fakten
Wie es um den Arbeitsmarkt in Deutschland steht, lässt sich nicht an einer einzigen Zahl ablesen. Verlässliche und kostenlose Statistiken stellen vor allem drei Stellen bereit — und es lohnt sich zu wissen, was die jeweilige Quelle misst.
- Bundesagentur für Arbeit (BA)
- monatlicher Arbeitsmarktbericht mit registrierten Arbeitslosen, gemeldeten Stellen und Unterbeschäftigung, aufgeschlüsselt bis auf die Ebene der Agenturbezirke
- Statistisches Bundesamt (Destatis)
- Zahl der Erwerbstätigen sowie die Erwerbslosenquote nach dem Konzept der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO)
- Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)
- Forschungsinstitut der BA, unter anderem mit Erhebungen zu offenen Stellen und Arbeitsmarktprognosen
Wichtig ist der Unterschied zwischen den beiden Quoten. Die Arbeitslosenquote der BA zählt Menschen, die bei einer Agentur für Arbeit oder einem Jobcenter arbeitslos gemeldet sind. Die Erwerbslosenquote nach ILO beruht dagegen auf einer Befragung und ist international vergleichbar. Weil beide unterschiedlich abgrenzen, fällt die ILO-Quote für Deutschland in der Regel niedriger aus. Wer die Lage am Arbeitsmarkt in Deutschland 2023 mit dem aktuellen Stand vergleichen möchte, sollte deshalb immer dieselbe Quelle und dieselbe Kennzahl heranziehen.
Ebenso sorgfältig sollten Sie zwischen Erwerbstätigen, sozialversicherungspflichtig Beschäftigten und Arbeitsplätzen unterscheiden. Eine Person mit zwei Minijobs zählt als eine Erwerbstätige, besetzt aber zwei Stellen. Wie sich diese Begriffe voneinander abgrenzen und wie die aktuellen Werte aussehen, zeigt der Beitrag Wie viele Arbeitsplätze gibt es aktuell in Deutschland?
Arbeitslosigkeit und Entwicklungstrends
Solange Angebot und Nachfrage nicht genau zueinanderpassen, gibt es Arbeitslose — und zwar selbst dann, wenn in der Summe genügend Stellen vorhanden wären. Als arbeitslos im Sinne des Sozialgesetzbuchs gilt, wer vorübergehend nicht oder weniger als 15 Stunden pro Woche beschäftigt ist, eine Beschäftigung sucht, den Vermittlungsbemühungen zur Verfügung steht und sich bei der Agentur für Arbeit oder dem Jobcenter arbeitslos gemeldet hat.
Vier Formen der Arbeitslosigkeit
Die Wirtschaftswissenschaft unterscheidet vier Formen, die unterschiedliche Ursachen und damit auch unterschiedliche Lösungen haben:
| Form | Ursache | Typisches Beispiel |
|---|---|---|
| Friktionell | Übergangszeit zwischen zwei Stellen | Wechsel nach Umzug oder Kündigung |
| Saisonal | Jahreszeitliche Schwankungen | Bau, Gastronomie, Landwirtschaft |
| Konjunkturell | Schwache Gesamtnachfrage | Stellenabbau in einer Rezession |
| Strukturell | Qualifikation oder Ort passen nicht zur Nachfrage | Wegfall von Tätigkeiten durch Automatisierung |
Gerade die strukturelle Arbeitslosigkeit ist politisch schwer zu bekämpfen, weil Weiterbildung und Umschulung Zeit brauchen. Welche Ursachen in Deutschland derzeit überwiegen, ordnet der Beitrag Gründe für Arbeitslosigkeit in Deutschland ein.
Demografie, Fachkräfte und Digitalisierung
Die Entwicklung am Arbeitsmarkt wird in den kommenden Jahren vor allem von zwei Kräften geprägt. Zum einen scheiden die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer nach und nach aus dem Berufsleben aus, während weniger junge Menschen nachrücken. Das Arbeitsangebot schrumpft also, und in vielen Branchen — von der Pflege über das Handwerk bis zur Kinderbetreuung — wird es für Betriebe schwieriger, Stellen zu besetzen. Welche Berufe besonders betroffen sind, zeigt die Übersicht zum Fachkräftemangel in vielen Berufen.
Zum anderen verändert die Digitalisierung, welche Tätigkeiten gefragt sind. Routineaufgaben in Verwaltung und Produktion lassen sich zunehmend automatisieren, während der Bedarf an IT-Kenntnissen und an Berufen mit viel persönlichem Kontakt wächst. Für die einzelne Beschäftigte bedeutet das weniger „Job weg“ als vielmehr „Job verändert sich“. Wer sich laufend weiterbildet, hat in diesem Wandel die besseren Karten. Einordnende Materialien zu diesen Trends bietet unter anderem die Bundeszentrale für politische Bildung.
Zusammenfassung: Das Gleichgewicht am Arbeitsmarkt
Im Modell herrscht Gleichgewicht, wenn alle, die zum geltenden Lohn arbeiten wollen, auch eine Stelle finden und alle Betriebe ihre offenen Stellen besetzen können. In der Wirklichkeit wird dieser Zustand nie vollständig erreicht. Es gibt immer Menschen, die gerade wechseln, und Stellen, die gerade frei werden. Entscheidend ist, wie schnell beide Seiten zueinanderfinden.
Dafür spielen nicht nur Löhne eine Rolle, sondern auch Mobilität, Qualifikation und Information. Haushalte entscheiden, ob und wie viel sie arbeiten, Unternehmen entscheiden, wen sie einstellen — und Tarifpartner, Gesetzgeber und Arbeitsagenturen setzen den Rahmen, in dem das geschieht. In einer Region wie dem Oberrhein kommt eine weitere Ebene hinzu: Viele Menschen pendeln zwischen Wohnort und Arbeitsplatz, teils auch über die Grenze nach Frankreich oder in die Schweiz. Wie sich diese Pendlerströme entwickelt haben, lesen Sie im Beitrag zum Pendelverkehr am Oberrhein.
Häufige Fragen (FAQ)
Häufige Fragen
- Was ist ein Arbeitsmarkt einfach erklärt?
- Ein Arbeitsmarkt ist der gedachte Ort, an dem Menschen, die gegen Bezahlung arbeiten möchten, auf Unternehmen und Organisationen treffen, die Arbeitskräfte suchen. Getauscht wird Arbeitsleistung gegen Lohn oder Gehalt. Es gibt dabei viele Teilmärkte, etwa nach Beruf, Qualifikation oder Region.
- Wer bildet das Angebot und wer die Nachfrage am Arbeitsmarkt?
- Das Angebot an Arbeit kommt von den privaten Haushalten, also von den Menschen, die ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Die Nachfrage geht von Unternehmen, Verwaltungen und anderen Organisationen aus, die Personal einstellen. Im Alltag ist es also umgekehrt zur üblichen Wortwahl: Ökonomisch bieten die Beschäftigten Arbeit an.
- Was versteht man unter dem ersten und zweiten Arbeitsmarkt?
- Der erste Arbeitsmarkt umfasst alle regulären Beschäftigungsverhältnisse, die ohne staatliche Förderung entstehen. Der zweite Arbeitsmarkt bezeichnet öffentlich geförderte Beschäftigung, etwa Arbeitsgelegenheiten oder Lohnkostenzuschüsse für Langzeitarbeitslose. Ziel des zweiten Arbeitsmarkts ist der Übergang in reguläre Beschäftigung.
- Wie wird der Preis für Arbeit (Lohn) bestimmt?
- Im Modell ergibt sich der Lohn aus Angebot und Nachfrage: Sind Arbeitskräfte knapp, steigt er, gibt es mehr Bewerber als Stellen, gerät er unter Druck. In Deutschland prägen zusätzlich Tarifverträge zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden, der gesetzliche Mindestlohn und individuelle Verhandlungen die Lohnhöhe.
- Welche Rolle spielt die Digitalisierung für die Arbeitsmarktentwicklung?
- Die Digitalisierung verändert vor allem, welche Tätigkeiten gefragt sind. Routineaufgaben in Verwaltung und Produktion lassen sich zunehmend automatisieren, während der Bedarf an IT-Kenntnissen und an Berufen mit viel persönlichem Kontakt wächst. Für Beschäftigte wird kontinuierliche Weiterbildung dadurch wichtiger.





